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Geschichte als Unterrichtsfach: Mehr als nur Vergangenheit und Jahreszahlen

 

Geschichte begleitet uns in unserem Alltag auf Schritt und Tritt: in Denkmälern und Gebäuden, in Zeitungsartikeln und Ausstellungen, in den Erzählungen älterer Menschen, in Spielfilmen und Romanen, sogar in der Werbung. In all diesen Bereichen begegnet uns die Geschichte in diversen Erscheinungsformen und zu unterschiedlichen Zwecken, sei das beispielsweise als blosser materieller Zeuge vergangenen Handelns, als Erinnerung, für die Vermittlung und Belehrung aufbereitet oder auch als Argument für die Gegenwart. Auch die Themen, um die es geht, decken ein sehr breites Spektrum ab. Nicht zuletzt aufgrund der breiten Quellenlage ist in den Medien die Zeitgeschichte am stärksten vertreten, lässt sie sich doch am anschaulichsten mit Filmmaterial, Tonaufnahmen und Zeitzeugen darstellen, wie die diesjährige Dokumentation des Schweizer Fernsehens über das Alltagsleben während des Zweiten Weltkrieges deutlich macht. Daneben erfreuen sich Ausstellungen zu weit zurück liegenden Epochen, wie beispielsweise in den letzten Jahren die Tutanchamun-Austellung in Basel oder die Ausstellung über die Kunst der Kelten in Bern ebenfalls eines grossen Zuspruches. Geradezu in Mode scheinen auch historische Romane zu sein, deren Angebot praktisch nicht mehr zu überblicken ist.

Alle diese Vermittlungen von Geschichte in unserem Alltag prägen unsere historischen Kenntnisse, Vorstellungen und Urteile – unser Geschichtsbewusstsein. Nur der Mensch ist in der Lage, langfristig Erfahrungen zu sammeln, diese zu überliefern, auf die Gegenwart zu beziehen und damit sich selbst und seine Welt als geschichtlich wahrzunehmen. Die Entwicklung dieses Geschichtsbewusstseins gehört zu den wichtigsten Wesensmerkmalen und kulturellen Leistungen des Menschen.

Geschichte als Unterrichtsfach

Die Entwicklung und die Ausprägung des Geschichtsbewusstseins hängen von bestimmten Faktoren ab, unter denen ein Mensch Geschichte wahrnimmt und diese verarbeitet. Der Geschichtsdidaktiker Michael Sauer beschreibt in seinem Werk «Geschichte unterrichten», aus welchem einige Grundgedanken in diesem Aufsatz aufgegriffen werden, diese Voraussetzungen. So spielt beispielsweise das Alter eine Rolle, aber auch das soziale Umfeld und nicht zuletzt auch das individuelle Interesse.

Verschiedene Instanzen sind an der Vermittlung des Geschichtsstoffes beteiligt. Im Gegensatz zu Zeitungen, Radio und Fernsehen, die meist selektiv und dadurch eher unsystematisch geschichtliche Sachverhalte aufgreifen und präsentieren, unterscheidet sich der Unterricht in der Schule dadurch grundlegend, dass er zielgerichtet ist und nebst der systematischen Behandlung vorgegebener Themen auch den kritischen Umgang mit historischen Quellen und damit auch der Geschichtsschreibung selbst vermittelt.

Der Geschichtsunterricht legitimiert sich somit nicht einfach von seinem Gegenstand her. Vielmehr soll er durch einen direkten Bezug mit der Gegenwart neue Wahrnehmungs- und Reflexionsmöglichkeiten bieten. Wer sich mit Geschichte auseinandersetzt, begegnet dabei dem historisch und kulturell Anderen. Dadurch relativiert sich das Eigene, bisher «Selbstverständliche» und bietet Platz und Toleranz für alternative Wertvorstellungen und Lebensformen. Geschichte kann dem Verständnis, der Einordnung und der Relativierung von Phänomenen der Gegenwart dienen, indem deren Entwicklung und Ursachen analysiert werden. Bestehendes wird dadurch nicht nur als zwangsläufig «Statisches», sondern als «Gewordenes» betrachtet, welches durch das menschliche Handeln auch beeinflusst werden kann. In diesem Sinne setzt sich das Fach Geschichte für ein aktives Engagement und Mitgestalten in der Gesellschaft ein und plädiert für das demokratische Ideal des freien Menschen, der im Sinne der Aufklärung seine eigene Zukunft in die Hand nimmt.

Geschichte kann zudem die Fähigkeit fördern, mit dem Blick auf das Ganze langfristige Entwicklungen wahrzunehmen. So wurden in den letzten Jahrzehnten auch stärker wirtschafts- und sozialgeschichtliche Themen im Unterricht berücksichtigt. Politische Haltungen und Grundüberzeugungen werden oft historisch legitimiert. Der Geschichtsunterricht leistet auch hier seinen gesellschaftspolitisch bedeutenden Beitrag, indem solche Argumente sowie auch doktrinäre Vereinfachungen nicht einfach undifferenziert übernommen, sondern einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

Im Allgemeinen ist der Unterricht chronologisch aufgebaut und erstreckt sich von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Die thematischen Schwerpunkte liegen dabei in der Neuzeit, wobei der Geschichte des 20. Jahrhunderts ein grosses Gewicht zukommt.  Für und gegen die chronologische Vorgehensweise lassen sich verschiedene Argumente anführen. Einerseits kann dadurch der «wirkliche» Verlauf der Ereignisse nachvollzogen werden. Ebenfalls sind die historischen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen durch ihre zeitliche Abfolge bedingt: Das Vorangehende ist die Ursache des Folgenden. Andererseits ist der gewünschte Gegenwartsbezug schwierig, solange die Schülerinnen und Schüler die Gegenwart nicht kennen. Der chronologische Durchgang bringt weiter den Nachteil mit sich, dass anspruchsvolle Lerninhalte, namentlich aus den Bereichen des Altertums und des Mittelalters, im Unterricht nicht mit gebührender Tiefe behandelt werden können. Um dieses chronologische Korsett von Zeit zu Zeit aufzubrechen, stehen den Lehrkräften jedoch verschiedene didaktische Instrumente zur Verfügung. So kann beispielsweise mit Hilfe eines Längsschnittes ein Thema (z.B. die Rolle der Frau in der Gesellschaft) durch alle Epochen hindurch verfolgt werden. In einer Fallanalyse werden ausgehend von einem markanten Ereignis dessen Ursachen und Folgen genauer untersucht. So führt die Julikrise von 1914 zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Imperialismus und dem Ersten Weltkrieg. Anhand punktueller Bezüge zur Tagesaktualität, wie beispielsweise dem Krisenherd Nahost, kann den Schülerinnen und Schülern die historische Dimension gegenwärtiger Probleme verdeutlicht werden. In der Wirtschaftsmittelschule steht dafür mit dem Fach «Aktuelles Geschehen» sogar ein eigenständiges Zeitgefäss zur Verfügung.

Mit den gymnasialen Bildungsreformen des letzten Jahrzehntes wurde politische Bildung oder Staatskunde nicht mehr als eigenes Fach im Stundenplan berücksichtigt. Dem Geschichtsunterricht kommt somit zusätzlich die grosse Verantwortung zu, den Schülerinnen und Schülern auch staatskundliche Belange zu vermitteln und ihnen dadurch die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten können.

Politik aus erster Hand

Damit Geschichte und staatskundlicher Unterricht nicht als reine Theorie wahrgenommen werden, führen die Fachlehrkräfte auch immer wieder Exkursionen, zum Beispiel nach St. Gallen in den Kantonsrat oder nach Bern ins Bundesparlament durch. Dabei bekommen die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, in Kontakt mit politischen Entscheidungsträgern zu treten. Umgekehrt ist es in den letzten Jahren unserer Fachgruppe gelungen, mit der Veranstaltungsreihe «Politik aus erster Hand» an unserer Schule einen festen Anlass zu etablieren, bei welchem Politikerinnen und Politiker sowie weitere Referenten unsere Schule besuchen. Beispielsweise fand im Vorfeld der letzten Wahlen eine Podiumsdiskussion mit jungen Nationalratskandidatinnen und -kandidaten statt und vor einigen Jahren referierte mit Kurt Spillmann, dem ehemaligen Leiter der ETH-Forschungsstelle für Sicherheitspolitik und Konfliktanalyse, ein ausgewiesener Experte zum Thema «Amerikanische Politik». Im Frühling 2010 hielt auch der international bekannte Nahost- und Islamexperte Arnold Hottinger an unserer Schule einen Vortrag über die aktuellen Entwicklungen und Perspektiven im Nahen Osten.

Eine direkte Demokratie wie die unsrige ist auf politisch umsichtig handelnde und ihrer Geschichte bewusste Bürgerinnen und Bürger, die verantwortungsvoll mit den ihnen anvertrauten Rechten und Pflichten umzugehen wissen, angewiesen. Nur so können wir die demokratischen Grundwerte für die Zukunft sichern. Auch die Präambel unserer Bundesverfassung hält fest, «dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht». In diesem Sinne kann die Bedeutung des historisch-politischen Unterrichtes nicht gross genug eingeschätzt werden.

 

Auseinandersetzung mit Geschichte vor Ort: Der Ergänzungsfachkurs auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg (November 2012)