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Latein heute - unzeitgemäss aktuell

Gerhard Marcks: Odysseus sehnt sich nach seiner Heimat, 1963


Latein – eine «tote» Sprache
Es stimmt: Latein ist, was man gemeinhin eine tote Sprache nennt. Kein Kind kommt mit dieser Sprache zur Welt und wird von seiner Mutter lateinisch gestillt, kein Mensch fühlt, träumt und liebt in der Sprache Ciceros. Dem ist allerdings schon lange so: 813 empfahl das Konzil von Tours, man solle künftig im Gottesdienst die Predigt «romanisch» oder deutsch halten, damit alle Zuhörer den Inhalt klar erfassten. Offenbar hatte sich das von Generation zu Generation als Muttersprache weitergegebene Idiom so stark verfärbt, dass die Geistlichen mit ihrer an Bibel und Philosophenlektüre geschulten Sprache nicht mehr verstanden wurden. Mit dem Konzilsbeschluss wurde also dem Latein gleichsam der Totenschein ausgestellt. Ist es da nicht erstaunlich, dass diese Sprache über 1000 Jahre nach ihrem «Tod» uns in Europa noch immer so sehr beschäftigt, dass jede Sechstklässlerin und jeder Sechstklässler beim Übertritt in die Sekundarschule sich zu entscheiden hat, ob er Latein belegen will oder nicht?

 

Latein - nicht irgend eine Sprache
Wer Latein lernt, befasst sich mit der Welt der Römer, die ihrerseits von den geistigen Leistungen der Griechen geprägt war. Dazu kommt, dass das Christentum ins römische Reich hinein geboren wurde und sich zu einem wesentlichen Teil in lateinischer Sprache entfaltet hat. Die romanischen Sprachen ihrerseits sind nichts anderes als Latein im Munde von Sprechern des 21. Jahrhunderts, so dass, wer Latein studiert, die Mutter-Sprache von Italien, Frankreich, Spanien, Portugal sowie Mittel- und Südamerika lernt. Schliesslich verlief die europäische Sprach-, Literatur- und Geistesgeschichte insofern speziell, als auch nach 813 Latein die allgemeine Verkehrssprache blieb. Deshalb ist ja unser Bundesbrief von 1291 lateinisch abgefasst, und erst 1539 befand der französische König, es sei nicht fair, wenn die Richter ihre Beratungen dauernd lateinisch führten und ein Teil der Betroffenen nichts verstehe. Im Wissenschaftsbetrieb behauptete sich das Latein dennoch weiterhin, weshalb nicht nur Kopernikus sein bahnbrechendes Werk «De revolutionibus orbium caelestium» lateinisch schrieb, sondern auch Newton (1687), Fahrenheit (1724), Linné (1735), Euler (1748), Galvani (1791), Gauss (1801/1809) und zahlreiche andere Mathematiker und Naturwissenschafter bis weit in die Neuzeit.

So darf Latein mit Fug und Recht als Muttersprache Europas gelten, und im LU erwirbt der Schüler den Schlüssel zur europäischen Geistesgeschichte.  

 

«Der Akkusativ muss ich noch lernen»
Weil das Ziel des LU weder in der Konversation noch im Verfassen eigener Texte besteht, geht er – in bewusstem Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen – analytisch an die Sprache heran. Der Schüler lernt, wie die lateinische Sprache funktioniert und aufgebaut ist: die Grammatik. Wenn es dann gilt, den analysierten Satz ins Deutsche zu übersetzen, stellt sich von selbst die Frage, welche sprachlichen Mittel hier zur Verfügung stehen. Dabei werden die in der Muttersprache gültigen Regeln bewusst, und so hört man nicht selten Schülerinnen sagen: «Erst im LU habe ich Deutsch gelernt.» Dieses fundierte Verständnis der Muttersprache kommt seinerseits dem Erwerb moderner Fremdsprachen zugute.

  Ein Beispiel aus der Wortbildungslehre

  Regel: Das Suffix –osus fügt sich an nominale Wortstämme und dient der Adjektivbildung. Es bezeichnet die 
  Eigenschaft einer Sache oder Person, welche das im Grundwort enthaltene Ding in hohem Masse besitzt. Im
  Deutschen entspricht “-osus” etwa “-reich, -voll”.

  pretium (Preis, Wert)     -> pretiosus       wertvoll             f. précieux         e. precious

  gloria (Ruhm, Ehre)       -> gloriosus        glorreich            f. glorieux          e. glorious         dt. glorios

  vgl. dt. famos, rigoros, skandalös – f. furieux, studieux, curieux – e. audacious, libidinous etc.



Bildung durch Übersetzen
Mit jedem Satz, den wir übersetzen – handle er vom Vesuvausbruch, der Pompeji verschüttete, von den politischen Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Caesar oder Augustus, von philosophischen Disputen zwischen «Heiden» und Christen, vom Liebeskummer eines Catull oder von den Sorgen des Aeneas auf der Suche nach der neuen Heimat – mit jedem Satz haben wir uns in eine andere Zeit einzufühlen, tauchen wir ein in eine fernnahe Welt: fern, weil wir durch Hunderte von Jahren von ihr getrennt sind, und doch nahe, weil es sich um jene Kultur handelt, in deren Tradition wir, bewusst oder unbewusst, selber stehen.

Das besondere Profil des LU liegt also in seiner täglich praktizierten Multivalenz: er erschliesst nicht nur den Zugang zu den lateinischen Texten, sondern unterstützt auch die Bemühungen zahleicher anderer Fächer, vor allem von Deutsch, Geschichte und Philosophie, sowie der modernen Fremdsprachen.

 

Proportiones vel symmetriae corporis hominis, beschrieben von Vitruvius (zur Zeit von Kaiser Augustus), gezeichnet von Leonardo da Vinci (gegen 1500)

Gymnasium im Wandel
Seit der Gründung der KSH im Jahre 1975 haben sich die Ziele des LU nicht verändert, wohl aber seine Stellung im gesellschaftlichen und schulischen Umfeld. Der Wandel der Gesellschaft scheint mir gekennzeichnet durch eine weitere Öffnung. Diese brachte dem Einzelnen mehr Freiheiten, dafür haben die allgemein anerkannten Werte abgenommen, sind mehr und mehr Privatsache geworden, so dass sich als unbestrittener Massstab der materielle in den Vordergrund schieben konnte. Dies spiegelt sich auch in der Mittelschule. Neben das Gymnasium traten die Berufsmatura sowie Wirtschafts- und Fachmittelschule mit Lehrgängen, die sich deutlicher an den Bedürfnissen der Berufswelt orientieren. Das Gymnasium selbst wurde aus finanziellen Erwägungen um ein Semester gekürzt. Der pluralistischen Gesellschaft entsprechend trat an die Stelle der strukturierten Maturitätstypen eine breite Palette von Pflicht- und Wahlpflichtfächern, die in einer gewissen Beliebigkeit allen von allem etwas bieten und einen Teil der Verantwortung für die Bildungsinhalte an die Schüler delegieren. Damit hat sich die Konkurrenzsituation zwischen den Typen bzw. Fächern verschärft, was «Kundschaft» wie «Anbieter» verunsicherte und oberflächlichem Nützlichkeitsdenken Vorschub leistete. Ferner stehen jetzt den einzelnen Fächern weniger Lektionen zur Verfügung, was zwar zu einer heilsamen Überprüfung der Lehrpläne zwang, aber auch einschneidende Konsequenzen für Tiefgang und Gründlichkeit hatte. Es ist, als ob die Hektik des Alltags auch das Gymnasium ergriffen hätte, zu der einzig die Maturaarbeit einen gewissen Kontrapunkt darstellt.
In dieser veränderten gymnasialen Landschaft nimmt sich das Fach Latein wie ein erratischer Block aus: isoliert und prominent.

 

Latein als Ersatz für Geschichte
Nachdem die Historiker sich gezwungen sahen, ihren Lehrplan zu reduzieren, und der systematische Geschichtsunterricht erst mit der Renaissance einsetzt, ist Latein das einzige Fach, das die Zeit vor 1500 zum Thema hat. Nichtlateiner hören nichts mehr von den frühen Hochkulturen, von den Griechen und Römern und vom Mittelalter, können somit auch das Phänomen der Renaissance nicht wirklich begreifen und haben nicht erfahren, wie es passieren kann, dass – wie im Falle des Weltbildes – grundlegendes Wissen verloren geht: während das Mittelalter, im Gegensatz zur Antike, die Erde als Scheibe sah, knüpfte die Renaissance nicht nur für die Kugelgestalt an die Antike an; auch für sein heliozentrisches Modell konnte Kopernikus auf Vorstellungen der Griechen zurückgreifen. Dieses Ausblenden früherer Zeiten und Kulturen und die Beschränkung auf die jüngere Neuzeit, womit den Jugendlichen suggeriert wird, es gehe stets aufwärts, sie hätten sich nur dem Strom der Zeit zu überlassen, halte ich für eine nicht zu verantwortende Ideologie.

 

meine junge tochter fragt mich
griechisch zu lernen wozu
sym-pathein sage icheine menschliche fähigkeit
die tieren und maschinen abgeht
lerne konjugieren
noch ist griechisch nicht verboten

Dorothee Sölle, 1929-2003

 

Latein als Lückenbüsser in Sachen Philosophie
Bis 1998 war Philosophie im Kanton St. Gallen Pflichtfach für alle. Heute absolviert die Mehrheit der Gymnasiasten die Matura, ohne je mit jenem Fach in Berührung gekommen zu sein, das wie kein anderes darauf angelegt ist, aus einer kritischen Distanz, frei von kurzfristigen Nützlichkeitserwägungen, über Leben und Welt nachzudenken. Im LU befasst sich der Schüler wenigstens mit den antiken Grundlagen der europäischen Philosophie sowie den Grundsätzen unserer Rechtsordnung.

 

Sokrates, Querdenker mit unverrückbaren Prinzipien

Latein als Schule exakten Lesens
Dank Internet und andern Medien liest der Mensch heute nachweislich mehr als früher, allerdings auch rascher und flüchtiger. Da geht ein Fach, bei dem je Lektion nur wenige Zeilen analysiert und interpretiert werden, natürlich gegen den Trend, leistet aber mit Sicherheit mehr zur Förderung der Lesekompetenz als Schnelllesekurse ...

So ist denn Latein in doppeltem Sinne ein «Antimainstreamfach» geworden: mit dem täglichen Training in exaktem, fast mikroskopischem Lesen und dem Bemühen, 2500 Jahre Geistesgeschichte in den Blick zu bekommen und darin «Konstanten» wie «Variablen» zu erkennen. Schade nur, dass auch dem LU im veränderten Gymnasium nicht mehr, sondern weniger Lektionen zur Verfügung stehen. Als Lateinlehrer stehe ich stark in der Spannung dieses Widerspruchs. Wo Lateinunterricht aber glückt, wird jene geistige Unabhängigkeit gefördert, welche man bewundernd den sogenannten Querdenkern attestiert. Da solche heute überall gefragt sind, darf Latein als unzeitgemäss aktuell gelten.

                                                                                                      Hans Haselbach